St. Galler Tagblatt, 24.10.2000

STADT KULTUR


Kleine Zen-Kunde im Olma-Trubel

Die Kellerbühne war am Freitagabend ein ruhender Pol in einer lärmigen Olma-Stadt. Der buddhistische Mönch Michel Bovay führte ein in die Welt des Zen.

In der bis auf den letzten Platz besetzten Kellerbühne übt sich das Publikum zunächst in Geduld; mucksmäuschenstill lauscht es der Stille. Im blauen Licht erscheinen zwei schwarz gekleidete Zen-Mönche, die schweigend grüssen und in «Zazen» gehen - Za bedeute, sich zu setzen, ohne sich zu bewegen. Zen sei nichts anderes als die Übung von Zazen, erklärt der Meister Michel Bovay, als er selber auf dem Kissen die Zazen-Haltung einnimmt. Im gelben Lichtstrahl erscheint sein Gesicht; er lächelt. In der Luft schwebt der Duft eines Räucherstäbchens.

Um «etwas von dem Zen-Geist» zu vermitteln, erzählt Bovay von Buddha Shakyamuni, einem indischen Prinz vor rund 2500 Jahren. Er trug den Namen Siddharta, was «Erfüllung aller Wünsche» bedeutet, und beschäftigte sich schon als Kind mit den Fragen nach dem Sinn des Lebens. Als er keine Antwort fand, verliess er seine Familie, um in strenger Askese zu leben. Aber auch die brachte keine Erlösung. «Erschöpft setzte er sich in Lotushaltung unter den Bodhi-Baum und liess seine Gedanken baumeln. In dieser Unbeweglichkeit und innerer Stille wurde sein Geist klar, erweckt»

Wie den Geist erwecken?

Wie kann man diesen Geist der Erweckung hier und jetzt erschaffen? Kann man nicht, «denn ohne Zazen wäre es wie die Blume ohne Duft». Doch Michel Bovay schafft es, mit kurzen, humorvollen Geschichten aus dem Alltag der Zen-Meister die Wege, die zur Erweckung führen, sowie die Grundbegriffe des Zens aufzuzeichnen. Dass die Weisheit nicht aus dem Denken komme, sondern aus dem freien Geist heraus, tönt befremdend, aber wir hören nur zu und sind nicht im «Sesshin» (intensive Zazen-Übung). Dennoch strahlen Bovay und Wolfgang Hessler, der auf der Shakuhachi, einer japanischen Flöte, Geschichten ohne Worte erzählt, eine Kraft aus, die dem äusserst aufmerksam zuhörenden Publikum ein wenig Zen-Geist vermittelt.

Alle Bücher dieser Welt

Als die Flöte einen letzten Seufzer auslöst, beendet der Meister die hervorragende «Lektion» mit einer chinesischen Geschichte: «Ein König wollte wissen, was der Sinn des Lebens sei. Alle Gelehrten schrieben Bücher, die auf sechs Elefanten geladen zum König kamen. Der König verlangte eine Zusammenfassung, die wiederum nach vielen Jahren Arbeit als Ladung für drei Elefanten reichte. Noch einmal verlangte der König eine Kürzung. Die Zeit verging, der König wurde alt, und als das Wissen auf ein Buch kondensiert wurde, lag er im Sterben und konnte nicht mehr lesen.» Der Sinn blieb dem Publikum nicht verborgen. Begeistert bedankte es sich für die kleine Zen-Kunde.

DANIELA S. HERMAN

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