Potato Saarbrücken, 2.3.05

LUST ODER LAST?


„MAN HÖRT GANZ EINFACH AUF, ETWAS ZU WOLLEN"

Keine Drogen, kein Sex. kein Alkohol. Kein Fernseher, kein Handy, kein Geld. Wir haben nachgefragt, worauf Menschen freiwillig verzichten. Und warum.

Michel Bovay war erfolgreicher Musiker, ehe er mit 27 Jahren zum ersten Mal Antworten auf Fragen bekam, die er sich bis dahin immer wieder gestellt hatte. Heute ist er Zen-Meister und einer der Hauptverantwortlichen für die Weiterführung der Zen-Lehre in Europa.

Es war einmal ein Samurai. Er machte sich auf den Weg zu Meister Hakuin, um ihm eine Frage zu stellen: „Gibt es Himmel und Hölle?" Der Meister sah ihn an: „Wer bist Du, dass Du es Dir erlaubst, mir eine solche Frage zu stellen?" „Ich bin ein Samurai. Ein Krieger." „Du bist ein Krieger? Für mich", sagte der Meister, „siehst Du aus wie ein Idiot." Der Samurai war erzürnt und zückte sein Schwert. „Nur zu", sagte Meister Hakuin. „Ich glaube, Du schaffst es nicht einmal, mir den Kopf abzuschlagen." Der Samurai erhob sein Schwert zum Schlag. Da lächelte der Meister: „Hier", sagte er ruhig, „öffnet sich das Tor zur Hölle." Da begriff der Samurai. Er hielt inne und verneigte sich dankend vor dem Meister. „Hier", sprach dieser, „öffnet sich das Tor zum Paradies."

Michel Bovay spricht mit ruhiger Stimme, während die Zuhörer im Saarbrücker Schlosskeller seinen Geschichten lauschen. Der Raum ist dunkel, erhellt nur durch einen Scheinwerfer, der auf die Mitte der Bühne gerichtet ist. Aufrecht, mit verschränkten Beinen sitzt der Zen-Meister auf einem Zafu, einem schwarzen Kissen. Die Knie berühren den Boden. Die Hände liegen in seinem Schoß, die linke in der rechten. Die Daumen sind waagerecht, berühren sich leicht, die Handkanten liegen am Bauch an. Zazen - die Haltung, in der Buddha vor rund 2500 Jahren das Erwachen erlangte und Ursprung der Tradition des Zen-Buddhismus, der durch die Weitergabe der Meister über Jahrtausende hinweg bis zur heutigen Zeit übermittelt wurde. Bovay erzählt Zen-Geschichten, von Meistern eingesetzt, um ihre Schüler zur Erweckung zu führen. Um Illusionen sichtbar zu machen, um zur Befreiung von diesen Illusionen zu führen.

„Ich war Musiker", erinnert sich Michel Bovay im Gespräch vor seinem Auftritt an die Zeit, lange bevor er Zen-Meister wurde. „Wir waren oft auf Tournee, unter anderem Vorgruppe der Rolling Stones. Also eigentlich recht erfolgreich." Und doch habe er schon lange das Gefühl gehabt, dass in der Welt, in der er lebte, mit der Gesellschaft, die ihn umgab, etwas nicht stimmte. „Eines Tages, ich war 27, ging ich in den Bergen spazieren. Da traf ich einen Freund, wir setzten und unterhielten uns. Ich sagte zu ihm: „Wenn man diesen Berg dort so anschaut, hat man das Gefühl, er ist sehr nah. Und eigentlich ist er doch sehr weit entfernt." Der Freund antwortete: „Du hast dieses Gefühl, weil der Berg und Du eins seid, nicht voneinander getrennt. Wir sind alle eins." Eine Antwort, die für Bovay ein „regelrechter Schock" war. „Es war, wie wenn man sich das ganze Leben lang fragt: Was gibt eins und eins? Und plötzlich ist da jemand, der sagt: zwei." Das war das erste Mal, dass der Schweizer vom Zen-Buddhismus hörte. Einige Monate später traf er dann auf Meister Taisen Deshimaru, als Kaikyosokan - Verantwortlicher der Unterweisung des Zen - aus Japan nach Europa gekommen. „Als ich diesen Mann sah, seine klaren Worte hörte, bekam ich endlich Antwort auf all die Fragen, die ich mir immer gestellt hatte. Zum Beispiel als jemand ihn fragte, wohin man nach dem Tod gehe, antwortete er, noch niemand sei zurückgekommen, es zu sagen. Es sei nicht wichtig, darüber nachzudenken. Das Wichtige im Zen sei, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und in der Gegenwart zu leben. Der Tod komme dann schon von alleine."

Bovay gab sein Musiker-Leben auf, zog nach Paris und begab sich dort als Schüler in die Hände Deshimarus. „Ich wollte Zazen praktizieren, bis ich das Zen verstanden habe und dann wieder Musik machen", sagt er und lächelt. „Das war vor über 30 Jahren - es braucht eben seine Zeit, bis man versteht." Verstehen könne man ohnehin nie ganz, sagt der Schweizer, der bis zu dessen Tod vor 23 Jahren im Laufe der Zeit zur rechten Hand Deshimarus wurde. Heute ist er als Meister und Leiter des Zen Dojo Zürich einer der Hauptverantwort- lichen für die Weiterführung der Zen-Lehre in Europa. „Aber viele Fragen ver- schwinden. Man wird viel stabiler, stärker, klarer in seinem Kopf. Man sieht und lebt die Dinge, wie sie wirklich sind." Die meisten Menschen täten das nicht. Seien durch ihr Denken verblendet. „Zen dagegen ist eine Möglichkeit, über seine Verblendung hinaus zu gehen, klar zu sehen und das zu leben, was ist. Seine wahre Natur wieder zu finden." Schließlich sei das größte Problem des Menschen dessen Ego. „Die Schwierigkeit liegt darin, zu erkennen, dass es auch eine andere Seite gibt."

Loslassen können, erklärt der Zen-Meister, sei die wahre Freiheit des Geistes. „Einerseits ist das sehr schwer." Vor allem, wenn man bis dato nach den Werten gestrebt habe, an denen sich die Gesellschaft im Allgemeinen orientiere. Andererseits aber sei es leicht, da die Praxis des Zazen sehr einfach sei. „Man begibt sich an einen ruhigen Ort, setzt sich und kommt in Harmonie mit der kosmischen Ordnung. Man hört ganz einfach auf, etwas zu wollen, den Dingen und seiner persönlichen Idee vom Glück nachzurennen." Letztlich sei es eben dieses „Streben nach der Idee vom Glück", das den Menschen tief im Unterbewusstsein unglücklich mache. „Aber diese Vorstellung ist nicht mehr als eine Fata Morgana. Je näher man kommt, desto weiter rückt sie weg." Im Zazen höre man auf, aus dem Ego heraus zu handeln und entdecke so seine wäre Natur. Erkenne, dass man in Wirklichkeit schon alles besitzt. Der Verzicht auf bestimmte materielle Dinge, sagt Bovay, sei ein wichtiges Element des Zen. Die Angst, dabei etwas zu verlieren, sei unbegründet. „Man verliert nichts. Im Gegenteil: Man gewinnt. Da man erkennt, dass man dies alles nicht braucht." Schließlich umgebe sich der Mensch mit vielen Dingen, die zur Verwirklichung des „wahren Glücks" nicht nötig seien. „Ich habe beispielsweise keinen Fernseher. Wozu auch? Was in der Welt passiert, erfahre ich auch auf anderem Weg. Was bringt es, zu sehen, was am anderen Ende der Welt passiert, nicht aber den eigenen Nachbarn? Durch den Verzicht wird das direkte Leben erst wirklich klar und präsent." Auch ein Handy besitzt Bovay nicht. „Andere mögen das benötigen. Ich nicht. Die Gesellschaft bringt Sachen hervor, von denen man abhängig wird. Aber der wahre Schlüssel liegt eben nicht in den Dingen. Die Anhäufung von Materie führt nicht zum Glück. Es liegt in unserem Geist, in der Art, wie wir die Dinge wahrnehmen." Statt sein Heil in den Dingen zu suchen, wäre der Mensch besser beraten, seine Sicht auf die Dinge zu überdenken. „Dadurch ändert sich alles. Die Lösung des Problems der Menschen liegt nicht im Kampf gegen außen. Die Lösung liegt einzig und allein im eigenen Geist"

Weitere Infos unter www.zen.ch, Infos zum Zen-Dojo Saarbrücken unter www.zendojo-sb.de

MARTIN RUF

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